Das Stadtmuseum Abensberg zeigt in der Ausstellung „Sehnsucht zu bleiben“ Malereien, Grafiken und Zeichnungen aus dem umfassenden Werk des seit 1997 in Abensberg lebenden Künstlers Manfred Sillner. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf Ölgemälden und Grafiken, welche einen inhaltlichen Bezug zu Regensburg, Abensberg und dem Landkreis Kelheim haben. Darüber hinaus zeigt die Ausstellung rückschauend die große Bandbreite des mittlerweile abgeschlossenen grafischen Werks Manfred Sillners.

Manfred Sillner hat im Laufe seines Lebens ein beeindruckendes Oeuvre geschaffen, welches die fast dreihundert Seiten des im Jahr 2012 erschienenen Werkverzeichnisses spielend füllt. Sillners Schaffen umfasst dabei Zeichnungen, Grafiken und Malereien aus mittlerweile mehr als fünf Dekaden. Eine besondere Rolle im Leben des Künstlers spielt seine Frau Therese Sillner. „Eigentlich müssten Manfred und Therese Sillner die Arbeiten gemeinsam signieren“, so der Fotograf Stefan Hanke, der dem Künstler in seinem Portrait ein zweites Paar hilfreiche Hände, nämlich die seiner Frau Therese, beigegeben hat.

Sillner, der 1937 in Berlin geboren wurde, wuchs in Berlin und Regensburg auf und entschied sich nach seiner Schulzeit zunächst für den bodenständigen Beruf eines Zollbeamten. Nach wenigen Jahren im Dienst nahm er an der Pädagogischen Hochschule in Regensburg ein Lehramtsstudium auf und wurde Volksschullehrer – unter anderem in Laaber/Opf. Ein Wendepunkt in seinem Leben war eine zufällige Begegnung auf der Eisernen Brücke mit seinem ehemaligen Hochschullehrer, dem Kunstpädagogen Hannes Weikert. Dessen motivierender Zuspruch bewegte den 28jährigen Manfred Sillner schließlich zu einer erfolgreichen Bewerbung an der Akademie der Bildenden Künste in München. Sillner wurde Schüler des Surrealisten Mac Zimmermann (1912-1995). Während seiner Akademiezeit begann sich der Stil des jungen Künstlers von einer stark expressionistischer Manier über ein kurzes pointilistisches Intermezzo hin zu der unverwechselbaren Ausdrucksweise zu wandeln, die „Mr. Blue“, wie ihn Mac Zimmermann wegen seiner Vorliebe für blaue Farbtöne genannt hatte, bis heute auszeichnet. Zug um Zug flossen verstärkt phantastische und surrealistische Einflüsse in Sillners Arbeiten ein.

Zwei Schlüsselwerke in Sillners Schaffen sind die in den Jahren 1966 und 1967 entstandenen Gemälde „Sehnsucht zu bleiben“ und „Aktäon ahnungsvoll“. In diesen Werken findet Sillner zum ersten Mal zu seinem genuinen künstlerischen Ausdruck, der ihn bis heute auszeichnet. Ganz im Sinne der Wiener Schule des phantastischen Realismus und dessen Begründers Albert Paris Gütersloh (1887 – 1973) verbindet Sillner in diesen beiden Werken die technische Perfektion der Alten Meister mit einer unbändigen Kreativität. Im Gegensatz zu anderen Vertretern der phantastischen Malerei, orientiert sich Sillner nicht nur technisch, sondern auch formal und inhaltlich an den großen Meisterwerken der Renaissance. Er entdeckt die Zentral- und Luftperspektive für sich, entwirft ideale Architekturen und Landschaften sowie an die Arbeiten Hans Bellmers erinnernde transluzente Körper, welcher er mit rauchigen, zarten Schleiern wieder schützend verhüllt.

Nach der Akademiezeit kehrte Sillner zunächst in die Schule zurück, erkannte aber nach fünf Jahren, dass der Brotberuf und seine künstlerische Berufung nicht miteinander vereinbar waren. Er gab seine sichere Stelle auf und arbeitete von nun an freischaffend. Die gewonnene Freiheit münzte Sillner zunächst in eine große Zahl von Arbeiten, vor allem Ätzgrafiken, um, mit welchen er – ebenso wie die Wiener Schule – ein breites Publikum erreichte.

In den folgenden Jahren entstanden Werke – jedes angefüllt mit einer schier unüberschaubaren Menge an mannigfach interpretierbaren Details und durchaus nicht frei von subtilem Humor – in denen Manfred Sillner sich intensiv mit den ikonisierten Werken von Leonardo, Altdorfer und Dürer auseinandersetzte. So fragt sich der Betrachter bei „Hannibal in Mailand“ unweigerlich, was genau Leonardos bleicher Erzengel Gabriel aus der „Verkündigung“ dem alten Elefanten, welcher mit alten Augen in den Raum des „Abendmahls“ blickt, denn mitzuteilen gedenkt und warum im Vordergrund ausgerechnet eine verdorrte Judenkirsche zu sehen ist. Bei allen Interpretationsversuchen darf man nicht vergessen, dass für Manfred Sillner Form und Farbigkeit im Verhältnis zum Inhalt keinen nachrangigen Stellenwert haben.

Im Laufe der Zeit ließ Sillner aber Schritt für Schritt die streng vermessenen, zentralperspektivischen Räume hinter sich und öffnete seine Bilder für Landschaft und Architektur. Einen weiteren Entwicklungsschritt vollzog Sillner, indem er Zeit und Vergänglichkeit im Spannungsfeld von Natur und Kultur – nicht zuletzt in den „Bildern aus Villers-la Ville“, gewissermaßen Sillners Eldena – für sich entdeckte. Dabei knüpft er nicht nur inhaltlich, sondern auch stimmungsmäßig an die Werke Caspar David Friedrichs an.

Sillners Spätwerk ist von einer großen Klarheit gekennzeichnet. Die überbordende Fülle an Details hat abgenommen. Die Farbigkeit der Gemälde wird ein Stück weit kühler, die Grafiken reduzierter. Über den Werken liegt eine melancholische, dennoch wohltuende Ruhe.

Manfred Sillners Arbeiten sind in der Gesamtschau eine Symbiose dreier kunsthistorischer Stilrichtungen: „Mr. Blue“ amalgamiert die altmeisterliche Malerei eines Albrecht Altdorfers mit dem melancholischen Blick eines Caspar David Friedrich und der surrealen Phantasie eines Salvador Dalí zu unverwechselbaren Werken, welche das Auge des Betrachters immer wieder aufs Neue zum visuellen Lustwandeln einladen.

Werkverzeichnis:
Baumann, Maria: In der Ewigkeit ein Sprung. Bilder von Manfred Sillner. Regensburg 2012.

Flyer „Sehnsucht zu bleiben – Malerei und Grafik von Manfred Sillner“